Eine Freundschaft in dunklen Tagen

Jacqueline van Maarsen

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Jacqueline van Maarsen und Anne Frank lernen sich in der Zeit der deutschen Besatzung kennen. Ein Jahr lang besuchen sie zusammen das „Joods Lyceum“, das Jüdische Gymnasium in Amsterdam, und teilen Freud und Leid miteinander. Im Sommer 1942 werden die Freundinnen abrupt getrennt, weil Anne Frank und ihre Familie untertauchen müssen.

Quellenverzeichnis

Für Anne Franks Amsterdam wurden viele Quellen benutzt.

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Nach dem Krieg erfährt Jacqueline von Annes Vater, warum die Familie Frank plötzlich verschwunden war und was danach passierte. „Nun ist ihr Herzenswunsch doch endlich in Erfüllung gegangen, und Ihre Mühe und Ihr langes Warten wurden belohnt“, schrieb ich Otto Frank am 28. Juni 1947, nachdem er mir ein Exemplar der Erstausgabe von Annes Tagebuch geschickt hatte. Im Vorwort wird Anne Franks Tagebuch mit dem bekannten Tagebuch von Marie Bashkirtseff verglichen. „Wer weiß, vielleicht wird Annes Buch ja auch einmal so berühmt“, schloss ich meinen Brief.

Jacqueline van Maarsen, Sommer 1939 (Privatsammlung)

„Ich heiße Anne“, sagte sie, „Anne Frank.“

Er war der Vater meiner Schulfreundin Anne und schickte mir die Erstausgabe. Ich las das Buch und legte es weg. Ein paar Jahre schaute ich nicht mehr hinein. Es ging mir zu nah, ich versuchte mich vor den Gefühlen zu schützen, die beim Lesen in mir aufkamen. „Wer hätte das jemals von unserer Anne gedacht“, bemerkte ihr Vater, als wir über Annes Tagebuch sprachen. Aber ich war nicht überrascht, als ich ihre tiefsten Gedanken las. Wir waren zwei gleichgestimmte Seelen und dachten über die meisten Dinge sehr ähnlich.

Wir lernten uns im Joods Lyceum kennen, der Schule, die 1941 im Auftrag der deutschen Besatzung gegründet worden war. Jüdische Kinder mussten in diese Schule gehen, denn die Nazis wollten sie von nichtjüdischen Kindern isolieren. Nach meinem ersten Schultag radelte ich nach Hause und wurde von einem kleinen, dünnen Mädchen mit einem spitzen Gesicht und glänzendem, schwarzem Haar eingeholt. Sie rief meinen Namen und fragte, ob ich den gleichen Weg habe wie sie. Ich fragte, wie sie hieß. “Ich heiße Anne”, sagte sie, “Anne Frank.”

Beste Freundin

Sie nahm mich gleich mit zu sich nach Hause und stellte mich ihrer Schwester und ihrer Mutter als ihre neue Schulfreundin vor. Anne redete wie ein Wasserfall, erzählte mir viel von sich und wollte auch von mir alles wissen. Sie beschloss, dass wir künftig zusammen nach Hause radeln würden, und ein paar Tage später erklärte sie, dass ich ihre beste Freundin sei und sie die meine. Ich war damit einverstanden. Ihr Eifer und die Art, wie sie unsere Freundschaft angebahnt hatte, gefielen mir. Vom ersten Tag an waren wir unzertrennlich. Anne schreibt darüber im Tagebuch: Inzwischen habe ich Jacqeline van Maarsen auf dem Jüdischen Gymnasium kennen gelernt. Wir sind viel zusammen, und nun ist sie meine beste Freundin. (15. Juni 1942)

Wir besprachen alles miteinander, wir lasen dieselben Bücher und wir machten zusammen Hausaufgaben. Wenn wir mit anderen Kindern Monopoly spielten oder zum Tischtennis gingen, waren das immer Klassenkameraden oder jüdische Kinder aus dem Viertel. Die von den Deutschen verordnete Trennung zwischen Juden und Nichtjuden war leider erfolgreich verlaufen. Das Jüdische Gymnasium nahm einen wichtigen Platz in unserem Leben ein. Uns gefiel der Unterricht, und das Klima in der Schule war sehr angenehm. Lehrer und Schüler waren durch das gleiche Schicksal miteinander verbunden. Auch die Lehrer hatten die Schulen verlassen müssen, in denen sie vorher unterrichtet hatten. Wir bildeten eine eng verbundene Gruppe.

Inniges Verhältnis

Die Zeit, die wir miteinander verbracht haben, ist mir bis heute in lebhafter Erinnerung. Es ist sehr lange her, aber aufgrund der besonderen Umstände war es eine Zeit, die wir sehr intensiv erlebten. Auch die ständige Konfrontation mit Annes Tagebuch trägt dazu bei. Es war nicht immer leicht, Annes beste Freundin zu sein. Wir waren vom Charakter her völlig verschieden: sie war extrovertiert, ich introvertiert. Da kam es auch mal zu Zusammenstößen. Wir hatten ein inniges Verhältnis und ich war sehr gern mit ihr zusammen, aber sie erhob Ansprüche auf mich, die mich manchmal etwas ratlos machten. Immer wieder musste ich ihr beweisen, dass wir „beste Freundinnen“ waren. Ihre überschwänglichen Freundschaftsbekundungen wurden mir manchmal zu viel. Dann verabredete ich mich mit anderen Mädchen und sie war eifersüchtig und traurig.

Jahre später las ich, dass sie das in ihrem Tagebuch auch zum Ausdruck gebracht hatte. Bevor sie mit ihrer Familie untertauchte, konnte ich ihr jedoch noch erklären, wo meine Grenzen waren. Sie fand sich damit ab und es kam unserer Freundschaft zugute, die dadurch noch enger wurde. Die Briefe, die sie mir in ihrem Versteck schrieb, zeugen davon. Ihr Vater hatte ihr nicht erlaubt, dass sie mir diese Briefe schickte. Sie übertrug sie einige Monate später in ihr Tagebuch. Erst nach dem Krieg konnte ich die Briefe lesen.

Jacqueline van Maarsen, um 1943 (Privatsammlung).

Um Leben und Tod

Wir hatten uns zwar gegenseitig versprochen, einen Abschiedsbrief zu schreiben, wenn eine von uns unerwartet verschwinden müsste, aber eigentlich konnten wir uns das nicht so richtig vorstellen. Anne bekam im Sommer 1942 sogar noch Nachhilfeunterricht in Mathe, weil ihre Zensuren nicht ausreichten, um in die zweite Klasse des Jüdischen Gymnasiums versetzt zu werden. Natürlich wussten ihre Eltern längst, dass sie schon im Versteck sein würden, wenn das neue Schuljahr anfing. Aber für uns Kinder sollte der Alltag so normal wie möglich verlaufen. Nicht einmal die neugierige Anne hatte etwas von den Versteckplänen ihrer Eltern aufgeschnappt. Freunde und Bekannte wurden durch das Gerücht getäuscht, dass die Familie in die Schweiz geflüchtet sei.

Für mich kam während der Kriegsjahre ein bedeutsamer Wendepunkt, durch den ich vor der Deportation bewahrt blieb. Einige Monate nach Annes Verschwinden kamen immer mehr Gerüchte auf, die Deutschen hätten einen Völkermord in Gang gesetzt. Meine Mutter erkannte, dass es für ihre Kinder um Leben und Tod ging, und sie unternahm etwas. Sie war nicht als Jüdin geboren, sondern vor der Heirat mit meinem Vater zum jüdischen Glauben übergetreten. Die ganze Familie war Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Amsterdam. Für die Deutschen galten wir deshalb als jüdische Kinder. Meine Mutter ging zum Sicherheitsdienst. Sie versuchte, diese Organisation, die die Deportation der Juden organisierte, dazu zu bringen, uns von der Liste zu streichen. Sie wies nach, dass wir zwei und nicht vier jüdische Großeltern hatten. Es kostete sie viel Mühe, aber schließlich gelang es ihr, und so hat sie auch meinem Vater das Leben gerettet.

Warten auf ein Lebenszeichen

Die erste Hälfte des Krieges hatte ich als jüdisches Kind verbracht. In der zweiten Hälfte des Krieges war ich nicht mehr jüdisch. Ich kam nun in eine völlig andere Welt. Auf meiner neuen Schule wurde über das, was in Amsterdam mit den Juden geschah, nicht gesprochen. Man schaute einfach weg. Die meisten Menschen ließ es gleichgültig. Die Geschwister meines Vaters waren nicht untergetaucht. Sie hatten Angst vor den Folgen, wenn ihr Versteck entdeckt werden sollte. Nach dem Krieg erfuhren wir, dass sie alle mit ihren Kindern in den Konzentrationslagern umgekommen sind.

Nachdem der Krieg vorbei war, wartete ich auf ein Lebenszeichen von Anne und ihrer Familie. Sie waren ja in die Schweiz entkommen. Das ging zumindest aus einer Nachricht hervor, die sie in ihrer Wohnung am Merwedeplein zurückgelassen hatten. Einige Wochen nach der Befreiung stand Otto Frank vor unserer Tür. Er war allein und wirkte verstört. Ich begriff das alles nicht, bis er uns seine Geschichte erzählte: Sie hatten sich in der Prinsengracht versteckt, waren verraten und mit dem letzten Transport nach Auschwitz deportiert worden. Er berichtete, dass seine Frau gestorben war und dass er auf der Suche nach Menschen war, die aus den Lagern zurückgekommen waren und ihm etwas über seine Töchter sagen konnten. Als er die traurige Gewissheit hatte, dass auch sie umgekommen waren, suchte er Trost bei mir.

Zwei Briefe von Anne

Otto Frank kam fast jeden Tag. Er erzählte dann von Anne in der Prinsengracht und von ihrem Tagebuch, das sie dort geschrieben hatte und das er nun las. Er weinte oft. Es war schwierig. Ich war sechzehn und in meinen Augen war Otto Frank ein alter Mann. Das einzige, was ich tun konnte, war zuhören. „Mir wurde klar, dass Sie in dieser Zeit nicht viel an mir hatten“, schrieb ich ihm einmal Jahre später. Manchmal brachte er die Tagebücher mit und zeigte mir, was Anne geschrieben hatte. Damals gab er mir auch Kopien der beiden Briefe, die Anne im September 1942 ins Tagebuch übernommen hatte. Der erste Brief war ihr Abschiedsbrief, den sie mit „Deine beste Freundin Anne“ unterschrieben hatte. Der letzte Satz in diesem Brief, „Ich hoffe, dass wir bis dass wir einander wiedersehen immer beste Freundinnen bleiben“ ist mir lieb und teuer und ergriff mich sehr, als ich ihn zum ersten Mal las (und wusste, dass sie schon tot war). „Ich denke so oft an Dich“, stand in ihrem zweiten Brief. Der zweite Brief war ihre Antwort auf einen Brief von mir, den ich nie geschrieben hatte. Ein starkes Gefühl des Mitleids überkam mich. Anne hatte sich in dem beengten Versteck so einsam und oft unverstanden gefühlt, dass sie sich einen „geheimen Briefwechsel“ mit mir ausgedacht hatte. „Ich kann nicht jedem schreiben, deshalb schreibe ich auch nur Dir“, hatte sie geschrieben. Eigentlich fand ich es sehr vernünftig von ihrem Vater, dass er diesen Briefwechsel verhindert hatte. Wir waren zu jung und es war viel zu riskant.

Nach dem Krieg habe ich sehr lange nicht darüber gesprochen, dass ich Annes „beste Freundin“ gewesen bin. Bis ich fand, dass der Moment gekommen war, etwas über unsere Freundschaft zu Papier zu bringen. Ich schrieb ein Buch, „Anne en Jopie” (deutsche Ausgabe: Meine Freundin Anne Frank). Darin schilderte ich unsere Freundschaft und die dunklen Jahre, in denen sie sich entwickelte. Ich hoffte, auf diese Weise das Bild von Anne zu ergänzen und auch Missverständnisse zu korrigieren.

Eigener Stil

Die Erstausgabe des Tagebuchs, die ich 1947 von Annes Vater bekam, liegt mir sehr am Herzen. Hier handelt es sich größtenteils um die Texte, die Anne mit der Absicht geschrieben hat, sie später zu veröffentlichen. Sie schreibt 1944: „Ich bin selbst meine schärfste und beste Kritikerin hier, ich weiß genau, was gut und was nicht gut geschrieben ist.“ Deshalb bin ich mir sicher, dass sie sich von der neuesten, sogenannten „endgültigen Ausgabe“ distanziert hätte. In dieser Ausgabe ist sie als Schriftstellerin nicht ernst genommen worden. Passagen, die sie gestrichen hatte, wurden wieder hinzugefügt, wobei Bemerkungen, die sie hier und da zwischen die Zeilen gesetzt hat, übersehen worden sind.

Annes Tagebuch wird heute als bedeutendes literarisches Werk bezeichnet. Ich muss jedoch zugeben, dass es einige Zeit gedauert hat, ehe ich mir der literarischen Qualitäten von Annes Schriften bewusst wurde. Zuerst sah ich vor allem die Imitation der Joop-ter-Heul-Bücher, erst später entdeckte ich, wie Anne daraus einen eigenen Stil entwickelte. Aber das Buch enthält vor allem eine wichtige Botschaft. Eine Botschaft, die sich gegen Diskriminierung richtet. Heute sehe ich es als meine Aufgabe, diese Botschaft zu verbreiten und anhand von Annes Tagebuch zu zeigen, wohin es führen kann, wenn Diskriminierung und Vorurteile das Handeln von Menschen bis in die letzte Konsequenz bestimmen.

Das ist der Grund, warum ich nun Vorträge halte und Interviews über Anne Frank und unsere Freundschaft gebe. Ich denke dann oft an das kleine Mädchen, das die berühmte Anne Frank geworden ist, und daran, wie häufig ich mit der Frage: „Wo ist das Anne Frank Haus?“ auf der Straße angehalten werde, und an meine Gefühle, wenn ich ihren Namen in der Zeitung lese oder wenn im Fernsehen etwas über sie gebracht wird. Wenn ich höre, wie Staatsoberhäupter und andere bedeutende Menschen in ihren Reden Anne zitieren, illustriert das für mich die Absurdität der Situation. Anne wollte gern berühmt werden. Sie ist berühmt geworden, und wenn ich von ihr erzähle, überkommt mich jedesmal ein Gefühl der Fremdheit angesichts der Faszination der Menschen, die alles wissen wollen über die fröhliche, lebenslustige Anne, die von den Nazis ermordet wurde.

Jacqueline van Maarsen vor dem Anne Frank Haus, 2003.

Hypothetische Frage

Nach meinem Vortrag stellte mir ein Mädchen einmal die hypothetische Frage: „Was würden Sie Anne gern fragen, wenn Sie ihr heute begegnen würden?“ Nach einigem Nachdenken antwortete ich: „Ich würde sie gern fragen, was sie darüber denkt, dass gerade ihr Tagebuch die Aufmerksamkeit auf die eineinhalb Millionen jüdischer Kinder lenkt, die von den Nazis ermordet worden sind. Und was sie dazu sagt, dass ihre introvertierte Freundin von damals nun regelmäßig im Scheinwerferlicht steht, um über sie zu sprechen.“

Geschrieben von Jacqueline Sanders-van Maarsen und zuerst im Anne Frank Magazin von 2001 erschienen.

Literatur

Anne en Jopie erschien 1990. Die deutsche Übersetzung erschien 1997 unter dem Titel: Meine Freundin Anne Frank. Seitdem sind drei Bücher von Jacqueline van Maarsen erschienen, die ausführlich auf ihre Freundschaft mit Anne Frank und auf ihre eigene Familiengeschichte eingehen:

  • Ich heiße Anne, sagte sie, Anne Frank: Erinnerungen. (Frankfurt am Main: Fischer 2004)
  • Die Erbschaft: Erinnerungen der Jugendfreundin von Anne Frank (Frankfurt am Main: Fischer 2006).
  • „Je beste vriendin Anne“ (Amsterdam: Querido, 2011).